Sonntag, 7. Februar 2016

„Der Regionalismus der Lega Nord und die Theorie des Standortnationalismus“






1                  Einleitung

"So etwas wie die Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und es gibt Familien. Keine Regierung kann existieren, ohne dass die Menschen zunächst für sich selbst sorgen" (Thatcher 1987).

Ausgelöst von der Finanzkrise, Anfang der 70er Jahre, begann ein radikales Umdenken in der Wirtschaftsphilosophie. Der von Thatcher und Reagan nahezu zeitgleich angestoßene Trend zum Neoliberalismus sollte schnell über alle Ländergrenzen hinaus den gesamten Globus beeinflussen (vgl. Altvater 2008, 50). Dabei handelt es sich um Einflüsse, die auch heute noch das Zusammenleben der Menschen betreffen und damit auch Auswirkung auf das politische Handeln haben. Viele Kritiker bezeichnen diese Einflussnahme als Hegemonie des Neoliberalismus (vgl. Demirovic 2008, 17). Jene Beziehung zwischen Neoliberalismus und Politik nehme ich in meiner Arbeit als Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen.

Dabei möchte ich genauer auf die Kritik eingehen, welche sich mit dem Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und Rechtspopulismus auf der einen Seite und einem neoliberalen Kapitalismus auf der anderen Seite auseinandersetzt. Ich steige damit in eine Debatte ein, die in Zeiten der internationalen Wirtschaftskrise aktueller denn je erscheint (vgl. Friedrich/Schreiner 2013, 8). Einer der wichtigsten Vertreter dieses wissenschaftlichen Diskurses ist Christoph Butterwegge. In seinen Schriften stellt er unter anderem einen direkten Zusammenhang zwischen der aktuellen Krise des neoliberalen Wirtschaftssystems und dem Anstieg rechtsextremistischer bzw. –populistischer Tendenzen dar (Butterwegge 2011, 41 ff.). Standortnationalismus, Sozialdarwinismus und Wohlstandschauvinismus gelten für ihn dabei als verbindende Komponenten (vgl. Butterwegge 2013, 22). Seine Überlegungen zum Standortnationalismus dienen in dieser Arbeit als theoretischer Rahmen. Anhand dessen möchte ich eine der auffälligsten rechtspopulistischen Parteien im aktuellen Parteienspektrum Italiens untersuchen – die Lega Nord. Auch wenn die Parteispitze selbst den Vorwurf des Rassismus zurückweist, lassen sich in ihrer Wort- und Bildsprache immer wieder rassistische Gedankenzüge erkennen (vgl. Gohr 2001, 67 ff.). In meiner Arbeit betrachte ich die Lega Nord in diesem Zusammenhang als rechtspopulistische Partei (vgl. Decker 2004, 41 ff.), wohl wissend, dass ihre Einordnung im wissenschaftlichen Diskurs stark variiert (vgl. Schaaf 2004, 27). Eine eigene Einordnung der Lega soll jedoch nicht Ziel dieser Arbeit sein. Stattdessen setze ich mich mit einer ihrer Kernbotschaften genauer auseinander: dem Regionalismus. Denn dieser gilt für die Partei im hohen Maße als identitätsstiftend (vgl. Gohr 2001, 93). Ich werde untersuchen, ob er mit der Theorie des Standortnationalismus von Butterwegge in Verbindung gebracht werden kann.

Wenn es möglich ist den Regionalismus der Lega in Bezug zum Standortnationalismus zu bringen, könnte man ihn somit als Bindeglied zwischen Rechtspopulismus und Neoliberalismus verstehen. Diese Sichtweise würde helfen, die Zusammenhänge zwischen neoliberalen Prozessen und der Lega Nord besser zu verstehen. Damit einhergehend könnte man ihre Entwicklung in Bezug auf einen wirtschaftsliberalen Kontext besser nachvollziehen. Meine Forschungsfrage lautet daher:
„Besteht ein Zusammenhang zwischen den Regionalismusbestrebungen der Lega Nord und der Theorie des Standortnationalismus von C. Butterwegge?“

Um diese Frage zu beantworten, definiere ich im zweiten Kapitel zunächst ihre beiden Kernbegriffe („Regionalismus“ und „Standortnationalismus“). Anschließend werde ich im dritten Kapitel die bisherigen Überlegungen zum Regionalismus der Lega Nord darstellen und diese dann im weiteren Diskurs mit der Theorie Butterwegges vergleichen bzw. gegebenenfalls um sie ergänzen.


2                  Die theoretischen Konzepte des Standortnationalismus und des Regionalismus

Dieser Teil der Arbeit dient dazu den theoretischen Rahmen zu schaffen, auf welchen ich mich anschließend bei der Analyse der Lega Nord beziehe. Im ersten Punkt erläutere ich was Butterwegge unter Standortnationalismus versteht und stelle seine Überlegungen im Kontext dar. Um das Konzept des Regionalismus im zweiten Punkt des Kapitels genauer zu definieren, beziehe ich mich auf Dirk Gerdes. Gerdes hat eine grundlegende Definition des Regionalismus in Bezug auf politisches Handeln dargelegt (Gerdes 1985) und ist daher ein guter Ausgangspunkt um Parteien zu betrachten.


2.1              Der Standortnationalismus nach C. Butterwegge

Der Begriff „Standortnationalismus“ geht auf C. Butterwegge zurück. Er beschreibt ihn als Ideologie, die in enger Verwandtschaft zum Neoliberalismus steht. Beide decken sich in vielen Bereichen, besitzen jedoch auch eine relative Autonomie (vgl. Butterwegge 2013, 24). Da er die Begriffe in einem engen Kontext denkt, gehe ich zunächst näher auf Butterwegges Verständnis vom Neoliberalismus ein. Daran schließe ich im nächsten Schritt seine Theorie des Standortnationalismus an.

Butterwegge geht grundsätzlich von einer Hegemonie des Neoliberalismus aus: „Da die Ideologie des Neoliberalismus alle Poren der Gesellschaft durchdrungen [...] hat, spricht man zu Recht davon, dass er die öffentliche Meinungsführerschaft ausübt“ (ebd., 15). Dabei werde der Fokus der Gesellschaft stark auf leistungs- und marktorientierte Aspekte verschoben. Dies folgert er aus der Annahme, dass in einer neoliberalen Gesellschaft der wirtschaftliche Gewinn einen sehr hohen Stellenwert hat. Misserfolg wird hingegen zur Existenzfrage. Wer demnach seine Existenz sichern will, ist zu wirtschaftlichem Erfolg verpflichtet. Mit dem daraus resultierenden Leistungsdruck entsteht gleichzeitig Konkurrenz. Diese kann zwischen Menschen, Regionen oder Nationen herrschen. All diese Formen fasst Butterwegge unter dem Begriff „Wirtschaftsstandorte“ zusammen. Die Konkurrenz dient dabei als Antriebskraft für die Wirtschaft und wird darüber hinaus nahezu als Allheilmittel jeglicher Probleme angesehen (vgl. ebd., 15 f.). Auf das Konkurrenzdenken beziehen sich viele Überlegungen Butterwegges. Er versteht es als diskriminierungsfördernd:

„Je mehr die ökonomische Konkurrenz nach neoliberalen Restrukturierungskonzept im Rahmen der ‚Standortsicherung’ verschärft wird, umso leichter lässt sich die kulturelle Differenz zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft politisch aufladen und als Ab- bzw. Ausgrenzungskriterium gegenüber Mitbewerber(inne)n um Arbeitsplätze sowie wohlfahrtsstaatliche Transferleistungen instrumentalisieren“ (ebd., 16 f.).

„Einheimische“ und „Fremde“ werden dadurch in einen Verteilungskampf gebracht, in dem Gewalt und ausgrenzendes Verhalten gegenüber Minderheiten zunimmt. Dabei wird mit der Abwehr des „Fremden“ ein interkultureller Konflikt suggeriert. All dies aus Angst einer potentiellen Gefährdung des wirtschaftlichen Wohlstands. Deshalb schlussfolgert er einen Zusammenhang von Globalisierung, neoliberaler Ideologie und der politischen Rechtsentwicklung (vgl. ebd., 17 f.). Als gemeinsamer Nenner dient ihm die Annahme, dass in diesen Strömungen die Menschen als ungleichwertig betrachtet werden. Im Rechtsextremismus bzw. -populismus ist die Abstammung oder die kulturelle Herkunft Grundlage dieser Bewertung. Im Neoliberalismus ist es das Kapital (vgl. ebd., 24 f.).
Genau in diesem Zusammenhang setzen Butterwegges Gedanken über den Standortnationalismus an. Er charakterisiert ihn als verbindendes Element zwischen Rechtspopulismus und Neoliberalismus. Auch hier knüpft er seine Überlegungen wieder an das Konkurrenzdenken. Bezieht sich dieses auf den „eigenen“ Wirtschaftsstandort, spricht Butterwegge von Standortnationalismus. Die Sicherung und Entwicklung des eigenen Standortes stehen dabei im Mittelpunkt der politischen Überlegungen. Dabei ist für jegliche Wertung der wirtschaftliche Nutzen für den Standort maßstabgebend (vgl. ebd., 22 ff.). Was dem Standort wirtschaftlich schadet, ist dabei grundsätzlich schlecht. Diese Ansichten führen zwangsläufig zu ausgrenzenden und abwertenden Verhalten. In diesem Fall von denjenigen, die: „[...] die Gewinnmargen eines Unternehmens senken, den Sozialstaat angeblich unbezahlbar machen und somit als menschlicher Ballast für den ‚eigenen’ Standort wirken“ (ebd., 22). Übrig bleibt eine Einheit derer, die im ausreichenden Maß dem wirtschaftlichen Wohl beisteuern.
Daran lässt sich erkennen, dass der Standortnationalismus eher von den Schichten unterstützt wird, die als Gewinner aus diesem Konkurrenzkampf hervorgehen. Wobei der Gewinn hier am wirtschaftlichen Erfolg gemessen wird (vgl. Butterwegge 2006, 24). Durch den Standortnationalismus wird folglich Ausgrenzung auch für weite Teile wohlhabender Gesellschaftsschichten thematisch relevant. Diese Tatsache ebnet rechtspopulistischen Parteien einen neuen Zugang in die gesellschaftliche Mitte (vgl. Butterwegge 2013, 19).

Zusammenfassend halte ich fest, dass Standortnationalismus für Butterwegge eine Ideologie ist. Sie geht aus dem Konkurrenzdenken hervor, dessen Basis durch den Neoliberalismus geschaffen wird. Fixiert man diese Konkurrenz auf Wirtschaftsstandorte, spricht Butterwegge von Standortnationalismus. Dabei wird deren wirtschaftliches Wohl zum wichtigsten Kriterium. Diese Werteverteilung führt zu ausgrenzendem Gedankengut, was einen Anknüpfpunkt für den Rechtspopulismus darstellt.

2.2              Der Regionalismus nach D. Gerdes

Um D. Gerdes Überlegungen zum Regionalismus nachvollziehen zu können, ist auch hier eine Einordnung in die Gegebenheiten, in denen sie entstanden eine wichtige Voraussetzung. Sein Buch „Regionalismus als soziale Bewegung“ (Gerdes 1985) verfasste er kurz nach dem Aufkommen des modernen Neoliberalismus. Er betrachtet eine Welt, die von den damit verbundenen Globalisierungsprozessen geprägt ist (vgl. Altvater 2008, 50). Gleichzeitig nahm damit auch die Idee eines geeinten Europas neue Gestalt an. Es bestand die Hoffnung, dass das Konstrukt von vielen kleineren Staaten dem einer übergeordneten Verwaltung weicht. Entgegen dieser Hoffnung fanden jedoch viele Autonomie- und Separatismusbewegungen in ganz Europa statt. Diese Bestrebungen und damit einhergehende Theorien wurden nach Ansicht Gerdes zunächst allerding weitestgehend missachtet. Theoretische Überlegungen, die sich mit dem Begriff des Regionalismus auseinandersetzten, wurden bis dahin fast ausschließlich aus einer geografischen Perspektive getroffen (Gerdes 1985, 23 ff.).

Wegbereitend für eine vielfältigere Betrachtung des Konzepts war Gerhard Stiens. In seinen Untersuchungen bemerkte er, dass oftmals von Sachverhalten die Rede ist, die sich dem Begriff „Regionalismus“ zuordnen lassen, gleichwohl dieser nicht explizit genannt wird (vgl. Stiens 1980, 316). Er erkennt darin das „Aufkommen ‚regionalistischer Bewegungen’ als reale politische Kraft“ (ebd., 315). Dadurch schafft er die Voraussetzung für eine kultur- und politikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik.

Diese Voraussetzung greift D. Gerdes auf und nutzt sie als Ausgangspunkt. Um den Begriff „Regionalismus“ aus politischer Sicht zu definieren, grenzt er ihn zunächst semantisch ab. „Region“ versteht Gerdes als:

„räumlich definierter Teil eines Raumganzen, wobei letzteres zugleich den räumlichen Bezugsrahmen und Geltungsbereich für Handlungen und Entscheidungen der maßgeblichen Akteure des politischen Zentrums darstellt“ (Gerdes 1985, 26).

Als Bezugsrahmen sieht er dabei den Nationalstaat. Des Weiteren fragt Gerdes nach der politischen Reichweite des Phänomens. Für diese ist maßgebend, wie überzeugt die Bestrebungen sind, eine Änderung des politischen Systems herbeizuführen und in wie weit es ihnen möglich ist, diese Änderungen auch tatsächlich zu realisieren (vgl. ebd., 26). Aus beiden Vorüberlegungen entwickelt Gerdes eine Definition. Regionalismus bedeutet für ihn:

„daß innerhalb territorial abgegrenzter ‚National-Staaten’ die Territorialität subnationaler Untereinheiten zu einem politisch kontroversen Thema (gemacht) wird oder werden soll, und zwar so, daß die maßgeblichen Akteure des politischen Zentrums auf dieses Thema reagieren (sollen)“ (ebd., 26/27).

Der politisch zum Ausdruck gebrachte Regionalismus entsteht immer kontextabhängig. Der Kontext ergibt sich dabei aus den grundlegenden Überlegungen über die Strukturierung von Staat und Gesellschaft, die aktuell vorherrschend sind. Die Region sieht sich in ihm immer in Konkurrenz zum gesamten Staat (ebd., 27).

Zusammengefasst beschäftigt sich Gerdes mit dem Regionalismus in zunächst scheinbar widersprüchlicher Verbindung zur Globalisierung. Grundlegend für seine Definition ist die Einordnung der Region in das nationalstaatliche Gebilde und die Bestrebungen der regionalistischen Bewegungen, dieses nach ihren Gunsten zu verändern. Regionalismus steht zudem im Zusammenhang mit vorherrschenden sozialen Strukturen.


3                  Lega Nord

Auf dem theoretischen Grundgerüst des zweiten Kapitels beziehe ich mich nun bei der Analyse der Lega Nord. Dafür stelle ich in 3.1 zunächst dar, dass mit dem Regionalismus in Italien eine lange Tradition verbunden ist. An diese knüpft der Regionalismus der Lega - der in 3.2 charakterisieret wird - an. In 3.3 wird näher untersuchet, wer dieser Region angehört und wer von ihr ausgegrenzt wird. In meiner Argumentation beziehe ich mich bis dahin stark auf Antonia Gohr. Sie hat die Lega Nord hinsichtlich dieser Aspekte ausgiebig analysiert (Gohr 2001). Die dazu bereits getroffenen Überlegungen dienen mir als Ansatzpunkt, um in 3.4 einen möglichen Bezug zur Theorie Butterwegges zu untersuchen.


3.1              Der Regionalismus in Italien – Eine Traditionsgeschichte

Die Ansicht der Lega Nord, den italienischen Regionen sollte mehr Autonomie in ihrem Handeln zur Verfügung stehen, ist bereits seit der Nationalstaatsgründung (1861) ein kontrovers diskutiertes Thema in Italien (vgl. Grasse 2000, 43 ff.). Da die Debatte der Lega stark aus dieser Diskussion hervorgeht (vgl. Gohr 2001, 95), zeige ich zunächst ihre historische Grundlage auf.

Carlo Cattaneo und Guiseppe Mazzini standen bereits zu Zeiten des Risorgimento als wichtige Fürsprecher für ein föderatives Nationalstaatssystem ein. Da sich Italien jedoch vergleichsweise spät als Nation formte, besaß die nationale Einheit einen sehr hohen Stellenwert. Es bestand die Angst, die gerade erste erlangte Einheit könne sofort wieder auseinanderbrechen. All dies stand einem föderativen Ansatz im weg. Nach dem ersten Weltkrieg fachten jedoch die regionalen Bestrebungen erneut auf. Stellvertretend für diese Bewegung sind Luigi Sturzo und Gaetano Salvemini zu nennen (vgl. Grasse 2000, 128 ff.). Jedoch wurden auch ihre Forderungen mit dem Aufkommen des Faschismus unterbunden. Das Konzept von starken Regionen ließ sich nicht mit der Vorstellung der Faschisten von einem souveränen Staat vereinbaren (vgl. Blanke 1991, 120 ff.).

Nach Ende des zweiten Weltkriegs bestand nahezu unumstritten die Ansicht, dass die Verwaltungsstrukturen dezentralisiert werden müssen. Die Frage jedoch, wie genau das neue Modell gestaltet sein soll, war heftig umstritten. Die anschließende Einigung war eine herbe Enttäuschung für die Anhänger der Autonomiebewegungen. So galt die Republik Italiens in ihrer Verfassung (1947) als „una e indivisible“. Gleichwohl ging sie auch auf gewisse Forderungen nach mehr Autonomie ein. Bereits vor ihrer Verabschiedung erhielten vier Regionen einen „statuto speciale“. Dieser Sonderstatus beabsichtigte anfänglichen Separatismusbewegungen vorzubeugen. 1970 wurde Italien dann nach Verfassung in zwanzig Regionen eingeteilt, wovon fünf einen Sonderstatus erhielten (vgl. Onida 1990, 239 ff.). Italien wurde also als Regionalstaat konzipiert, in dem die Regionen eine Untereinheit der Republik bilden. Sie haben ihnen zugetragene Befugnisse und Aufgaben, die sich nach den Grundsätzen der Verfassung richten (vgl. Esterbauer 1978, 241). In ihren Angelegenheiten unterliegen sie jedoch der zentralen Regierung. Gleichzeitig sind ihre Mitbestimmungsrechte in Bezug auf nationale Entscheidungen stark eingeschränkt (vgl. Grasse 2000, 204 ff.). So stellt Antonia Gohr diesbezüglich fest, dass:

„[...] die Lage der Regionen in der Verfassungstheorie gar nicht so unerfreulich zu sein scheint, [...] sie in der Praxis doch häufig der restriktiven Behandlung durch die Regierung und die zentrale Ministerialbürokratie [unterliegen]“ (Gohr 2001, 97).

Besonders die geografische Einteilung der Regionen erscheint dabei als großes Problem. Sie beruht auf einer statistischen Datenerhebung des letzten Jahrhunderts und wurde in die Verfassung unverändert übernommen (vgl. Tomuschat 1974, 170). In dieser Erhebung weisen die eingeteilten Gebiete erhebliche Diskrepanzen in ihrer Einwohnerzahl und ihrer Wirtschaftskraft auf (vgl. Dente 1997, 181). Auch sprachliche und kulturelle Aspekte wurden in ihr nicht beachtet. Als Folge dessen wurde die Region in der Bevölkerung lange Zeit nicht als Bezugspunkt erachtet. Dies sollte sich in den 90er Jahren – und damit zeitgleich mit dem Aufkommen der Lega - erneut ändern (vgl. Gohr 2001, 98).

Autonomiebestregungen gibt es also schon seit der Gründung der italienischen Republik. Allerdings waren sie bis jetzt nicht sonderlich erfolgreich. Auch wenn es auf den ersten Blick anders scheint, sind die Befugnisse der Regionen nur sehr schwach ausgeprägt. Die Lega Nord macht es sich zur Aufgabe diese Situation zu ändern. Einzig neu an ihrem Ansatz ist, dass der Regionalismus zuvor vorwiegend von wirtschaftlich rückständigen Regionen vertreten wurde. Mit dem Aufkommen der Lega gehen diese Regionalismusbestrebungen, zum ersten mal in der Geschichte der italienischen Republik, von einer wirtschaftlich starken Region aus (vgl. ebd., 102).


3.2              Die Lega Nord – Eine regionalistische Partei

Nach der Definition Gerdes kann man die Lega Nord eindeutig als regionalistische Partei betrachten (vgl. Gohr 2001, 93). Auf der „Politisierung des subnationalen territorialen Bezugsrahmens“ (Korsigk 1980, 25) stützt sich ein Großteil ihrer Identität. Zwar versuchte sie anfänglich auch auf nationaler Ebene erfolgreich zu sein, allerdings scheiterten diese Bemühungen. Als Konsequenz dessen fokussierte sich die Lega wieder ausschließlich auf die nördlichen Gebiete Italiens.

Damit verbunden ist die Ausrufung „Padaniens“. Die Lega kreierte sich dadurch ein neuartiges territoriales Gebilde, als Bezugspunkt für ihren Regionalismus. Da die italienischen Regionen (wie in Kapitel 3.1 aufgezeigt) willkürlich aufgeteilt wurden, musste die verbindende Gruppenidentität - auf die sich die Lega beruft - erst geschaffen werden. Eine homogene ethnische Einheit im Gebiet Padaniens gab es zuvor nicht. Um ihr territoriales Konstrukt aufrechterhalten zu können, versucht die Lega deshalb „den Norditaliener“ zu schaffen. Sie geht dabei in zwei Schritten vor. Um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, verwendet die Lega ortsspezifische Rituale oder Symboliken. Sie suggeriert eine angeblich gemeinsame Geschichte, auf die sich ihrer Ansicht nach kulturelle und soziale Eigenheiten zurückführen lassen. Gleichzeitig findet eine Abgrenzung nach Außen statt, um die Grenzen dieser scheinbaren Einheit klar zu definieren (vgl. Gohr 2001, 93 ff.).

„Die Gegnerschaft zu Staat und Partei, die scharfe Kontrastierung von Nord und Süd, ausländerfeindliche und antimeridionalistische Äußerungen haben [...] die Funktion, der ‚Interessensgemeinschaft des Nordens’ eine eigene Identität zu verleihen“ (ebd., 100).

Damit einhergehend erschafft die Lega den Eindruck einer „comunità minacciata“ und stellt sich selbst als Beschützer dieser bedrohten Gemeinschaft dar.

Gleichzeitig bezieht sie sich in ihrer Kritik am Zentralstaat auf die willkürliche Einteilung der Regionen. Ihre hohe Diversität mache eine effektive Zentralregierung unmöglich. Die Lega verbindet diesbezüglich eine ganze Reihe an Forderungen, die den Einfluss des Staats auf die Regionen unterbinden sollen. Besonderes Augenmerk legt die Partei dabei auf den Artikel 119. Dieser bestimmt das finanzielle Verhältnis zwischen den Regionen und dem Staat. Des Weiteren fordert die Lega eine Neuaufteilung der regionalen Territorien. Sie sollen unter sozioökonomischen Aspekten möglichst homogen gestaltet werden (Gohr 2001, 94 ff.). Dabei bezieht sich die Lega auf einen Entwurf der Agnelli-Stiftung von 1992. Er sieht vor die Anzahl der Regionen auf zwölf zu reduziert. Ziel dabei ist es, dass diese sich finanziell möglichst unabhängig verwalten können (vgl. Bossi/Vimercati, 1993, 153 f., zit. nach Gohr 2001, 95).

Diese Forderungen sind Ansatzpunkte vieler Kritiker. Sie unterstellen der Lega, sie erstrebe: „rein ökonomische Motive, einen Regionalismus der Reichen, und tarne diese lediglich durch historisch-kulturelle Scheinargumente“ (Gohr 2001, 101). Michael Braun wirft Bewegungen wie der Lega vor: „daß sie ihren regionalen Egoismus, der in seiner Nacktheit etwas hässlich wirkt, mit allerlei historischem und kulturellen Flitter verhüllen“ (Braun 1994, 161).

Die Lega ist folglich durch ihren regionalen Bezug und durch die von ihr gestellten Forderungen eine regionalistische Partei nach D. Gerdes. Sie bezieht sich auf ein eigens geschaffenes territoriales Konstrukt. Dieses formt sich die Lega indem sie eine Homogenität der involvierten Akteure suggeriert und gleichzeitig eine Abgrenzung nach Außen vornimmt. Zudem verbindet sie ihren Regionalismus mit ökonomischen Motiven.


3.3              Gutes „Wir“, schlechtes „Ihr“ – Eine Einteilung nach ökonomischen Gesichtspunkten

Betrachtet man die Einteilung in In- und Outgroup, stellt man fest, dass dabei besonders ökonomische Aspekte für die Lega von hoher Relevanz sind. Als Außenstehende werden vorwiegend Ausländer und Italiener aus südlichen Regionen angesehen.

Die Abgrenzung gegenüber Süditalienern greift dabei einen historischen Konflikt auf. In ihm wird der Süden als arbeitsscheu und korrupt klassifiziert. Der Norden wird hingegen als produktiv und fleißig angesehen. Diese Auffassung ist im Norden Italiens häufig anzutreffen (vgl. Gohr 2001, 68 ff.). Bossi leitet daraus ab, das die nördlichen Regionen Italiens die Südlichen seit Jahrzehnten finanzieren würde. Er sieht darin eine Rechtfertigung für die Erhebung des Nordes gegenüber dem Süden (vgl. Bossi/Vimercati 1992, 176, zit. nach Gohr 2001, 69). Diese Vorurteile spiegeln sich auch in anfänglichen Forderungen der Lega wider. So sollte z.B. die Besetzung öffentlicher Ämter ausschließlich durch Lombarden erfolgen oder ein lombardisches Rentensystem eingeführt werden (vgl. Gohr 2001, 68). Nach Ansicht der Lega liegt den Regionen in Nord und Süd ein differentes Menschenbild zugrunde. In Ersteren ist vom „europäischen Menschen“ die Rede, wohingegen beim Süditalienern vom „mediterranen Menschen“ gesprochen wird.

„Die Lega-Polemik gegen Süditaliener betont den wirtschaftlichen Aspekt. So wird die Existenz zweier einander entgegengesetzter Kulturen unterstrichen, wobei der Begriff ‚Kultur’ jedoch wage bleibt und vor allem ökonomisch definiert wird. [...] Der Süden symbolisiert [...] alle Übel des Landes, und rassistische Äußerungen der Lega werden als edler Kampf gegen die partitocrazia deklariert und damit legitimiert“ (Gohr 2001, 71 ff.).

Ausländer werden von Bossi als „bomba sociale“ angesehen. Er wirft ihnen mangelnden Integrationswillen vor. Zudem hätte man auch nicht die finanziellen Ressourcen um sich ihnen anzunehmen (vgl. ebd., 70). Hans-Georg Betz sieht in der Ausgrenzung der Lega einen Rassismus, zudem er Folgendes feststellt:

„Seine Ausländerfeindlichkeit ist nicht in einer offensiven Theorie der Überlegenheit der Rasse begründet, sondern erschöpft sich in einem defensiven Das-Boot-ist-voll Wohlstandschauvinismus“ (Betz 1992, 638).

Die Einteilung der Lega findt, wie dargelegt, bedeutend häufig unter ökonomischen Gesichtspunkten statt. Sie formt darunter auch ihre eigene Identität. So definiert sich für Bossi regionale Homogenität besonders durch kulturelle und ökonomische Aspekte (vgl. Bossi/Vimercati 1992, 148 f., zit. nach Gohr 2001, 101). Wobei ich ausdrücklich festhalte, dass ihre Entscheidungen natürlich nicht ausschließlich nach wirtschaftlichen Kriterien getroffen werden (vgl. Gohr 2001, 74).

3.4              Der Regionalismus der Lega – In Wahrheit ein Standortnationalismus?

Ich stelle nun einige Aspekte Butterwegges Theorie dem Regionalismus der Lega Nord gegenüber. Vergleicht man die Ansätze des Standortnationalismus mit dem Regionalismus der Lega, stellt man dabei einige Parallelen fest.

Beim Standortnationalismus steht das wirtschaftliche Interesse des eigenen Standorts im Mittelpunkt der Überlegungen (vgl. Butterwegge 2013, 24). Betrachtet man den Regionalismus der Lega ist auch hier auffällig, dass das wirtschaftliche Wohl der Region eine große Rolle spielt (Gohr 2001, 94 ff.). Diese Prioritätensetzung hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Unterteilung zwischen In- und Outgroup. So werden Ausländer und Süditaliener besonders Aufgrund finanzieller Kriterien ausgegrenzt und die eigene Identität stark über ökonomische Aspekte definiert (vgl. Bossi/Vimercati 1992, 148 f., zit. nach Gohr 2001, 101). Ausgrenzung zum ökonomischen Vorteil ist auch in der Theorie Butterwegges ein wichtiger Aspekt (vgl. Butterwegge 2013, 22). Das die Abgrenzung dabei von der wirtschaftlich stärkeren Region ausgeht, weist eine weitere Parallele zum Standortnationalismus auf (vgl. Butterwegge 2006, 24).

Viele Kritiker unterstellen der Lega, sie verhülle ihre ökonomischen Motive „mit allerlei historischem und kulturellen Flitter“ (Braun 1994, 161). Rassismus, Ausgrenzung und kulturelle Einheit werden folglich als paralleler Prozess aufgefasst. Dieser solle die eigentlichen Interessen lediglich verdecken. Betrachtet man den Regionalismus der Lega allerding aus der Perspektive des Standortnationalismus, erscheint das kulturell einheitliche Konstrukt Padaniens und die damit verbundene Ab- und Ausgrenzung gegenüber wirtschaftlich Schwachen, eher als logische Konsequenz, welche sich ergibt, wenn ökonomische Ziele die oberste Priorität haben.

Es lassen sich folglich einige Zusammenhänge zwischen der Theorie Butterwegges und dem Regionalismus der Lega feststellen. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Lega ein sehr vielschichtiges Konstrukt ist. Der Standortnationalismus reicht deshalb als alleiniger Erklärungsansatz für die beschriebenen Vorgänge nicht aus.

4                  Fazit

Um einen Zusammenhang zwischen dem Standortnationalismus und dem Regionalismus der Lega Nord zu untersuchen, habe ich zunächst verdeutlicht wie diese beiden Begriffe zu definieren sind. Der Regionalismus der Lega bezieht sich in vielen Punkten auf einen geschichtlichen Hintergrund. Deshalb habe ich zunächst den vorangegangenen historischen Prozess näher beleuchtet. Anschließend habe ich die Lega Nord als regionalistische Partei nach D. Gerdes definiert. Im Folgenden bin ich genauer auf den Regionalismus der Lega eingegangen. Sie bezieht sich darin auf ein eigens kreiertes Konstrukt: Padanien. Dieses erschafft sie sich durch eine homogene Darstellung der Involvierten und durch Abgrenzung nach Außen. Beides findet wesentlich unter ökonomischen Gesichtspunkten statt. Daran lassen sich Überschneidungen zum Standortnationalismus aufweist.
Es lässt sich folglich festhalten, dass durchaus ein Zusammenhang zwischen dem Standortnationalismus und dem Regionalismus der Lega Nord besteht. Das wirtschaftliche Interesse hat in beiden Fällen einen sehr hohen Stellenwert. Daraus ergeben sich sehr ähnliche Folgen hinsichtlich der eigenen Identität und der Abgrenzung nach Außen. Wirtschaftlich Schwache werden ausgegrenzt, wirtschaftlich Starke werden einbezogen. Ich betone an dieser Stelle jedoch nochmals, dass sich die Lega über weitaus mehr als lediglich ökonomische Ansätze definiert. Sie vollständig in die Theorie des Standortnationalismus einzuordnen wäre folglich falsch. Ziel der Arbeit ist es, ausschließlich nach einem möglichen Zusammenhang zu suchen. Da dieser offensichtlich besteht, ist es meiner Ansicht nach interessant ihn in anschließenden Arbeiten näher zu erforschen. Ich erachte dies als hilfreich, um das Agieren der Lega Nord besser nachvollziehen zu können. Dies gilt für mich als wesentliche Voraussetzung, um ihrem ausgrenzenden Gedankengut entgegenzuwirken und für eine offene Weltanschauung einzustehen.


5                  Literaturverzeichnis

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Montag, 6. Juli 2015

Istat (2014): PERCEZIONI DEI CITTADINI STRANIERI: SODDISFAZIONE, FIDUCIA E DISCRIMINAZIONE. 2011-2012.


Il testo rivela i risultati svolti da un sondaggio che è stato fatto nell’anno 2011-2012. I temi principali dell’inchiesta: soddisfazione, fiducia e discriminazione nella percezione dei cittadini stranieri.
Cittadini stranieri e italiani, tra cui maschi e femmine, gente di età diversa, di vario livello educativo e diverse residenze territoriali in Italia, sono stati consultati.
Con una scala da 0 a 10 (0 = per niente soddisfatto, 10 = molto soddisfatto) hanno potuto esprimere la loro opinione sugli argomenti seguenti:
-         La soddisfazione della vita nel proprio complesso
-         La soddisfazione nell’ambito del lavoro (al lavoro o alla ricerca di lavoro)
-         La fiducia presso le forze dell’ordine, i vicini di casa o gente sconosciuta
-         L’esistenza dell’esperienza di essere stati discriminati in generale, e più preciso al lavoro, alla ricerca di lavoro o di una casa o durante il percorso degli studi
Si deve menzionare che il grado di soddisfazione varia tra uomini e donne, età, titolo di studio e luogo di residenza. Al Nord della Italia il 64,7% degli stranieri si sente più soddisfatta della loro vita comparato al punteggio medio nazionale. Verso il Sud il percentuale diminuisce. In generale la gente con un alto livello educativo si sente più soddisfatta di quelli con livello minore.
Si potrebbe interpretare queste statistiche nel modo in cui la sensazione di soddisfazione dipende fortemente dallo stato di lavoro. Visto che le persone con un buon titolo di studio trovano più facilmente un lavoro, si sentono anche più soddisfatti. In Italia la situazione dell’economia è più positiva al Nord e peggiora verso il Sud. Per questo anche la soddisfazione dei cittadini, siano stranieri o italiani è più alta al Nord comparato al Sud.

Tutto sommato la soddisfazione della vita è più alta tra gli cittadini stranieri comparato agli italiani (punteggio medio 7,7 comparato a 6,9). Ma considerando l’esperienza con discriminazione negli ambiti varii, che un percentuale notevole dei cittadini stranieri ha subito, la loro soddisfazione generale della vita in Italia è sorprendente. Il testo non da risposte o interpretazioni delle statistiche e di questo fatto. 

Dienstag, 12. Mai 2015

Historischer Wandel


Im Text wird dem Leser nahegelegt, wie sich die Migration in Italien historisch verändert hat. Insbesondere welche Gesetze speziell in der Vergangenheit verabschiedet wurden um die Menschenrechte der Migranten zu schützen. Auf der anderen Seite stehen jedoch die in der jüngeren Vergangenheit liegenden Einschnitte in die Rechte der Migranten. Auch heutzutage werden Menschen in Italien von Arbeitgebern ausgebeutet und diskriminiert. Eine vollständige Eingliederung in die Gesellschaft ist nicht gegeben, geschweige denn in Sicht. Erschreckenderweise ist die Lage der Einwanderer in ihrer Heimat scheinbar derart aussichtslos dass die Hoffnung auf Arbeit ein Grund ist, in immer steigenden Zahlen nach Italien zu kommen. Die Idee in einer gesicherten Gesellschaft, ohne ständige Furcht vor politischer und religiöser Verfolgung sowie die Sorge um die eigene Familie dient als Motivation selbst größte Gefahren und widrigste Einreiseumstände in Kauf zu nehmen. Viele Menschen mussten ihr Leben lassen, damit die mediale Wahrnehmung sich mit dieser Problematik auseinandersetzt. Dennoch habe ich persönlich immer noch kein realistisches Bild davon wie es diesen Menschen wirklich geht. Wiedereinmal hat die Geschichte gezeigt das erst das Massensterben von aberhundert unschuldigen Menschen dazu beigetragen hat dass die Menschen, welche die Macht haben zu helfen und Probleme zu lösen, ihre Augen für ihr Umfeld öffnen. Dies sind nicht die Probleme die es gestern nicht gab, oder die irgendwo weit weg liegen. Sie passieren hier und heute, Menschen in unserer Nachbarschaft sind betroffen Menschen die wir auf der Straße sehen, Menschen wie du und ich die nur ein sicheres Zuhause auf dieser Erde suchen.